T H E M A

Soziale Marktwirtschaft: Freiheit

Freiheit

Wer redet nicht alles von Freiheit ohne zu sagen, was er damit meint? Freiheit ist ein wohlklingendes Wort, mit dem man gut Anhängerschaften mobilisieren kann. Aber im Namen der "Freiheit" wurde auch schon viel Leid über die Menschheit gebracht.

Ich möchte kurz drei Bereiche unterscheiden: die persönlich Freiheit, die politische Freiheit und die wirtschaftliche Freiheit.

Die persönliche Freiheit bezeichnet das unmittelbare Verhältnis von Menschen zueinander. Es kann keine Freiheit zum Todschlag geben, weil sich niemand freiwillig Tod schlagen lässt. Mit anderen Worten ist die Freiheit im Zwischenmenschlichen nur dort gegeben, wo die Freiwilligkeit aller Beteiligten vorliegt. Ein Handeln, ein Mitmachen aus freiem Willen, setzt die Existenz eines ausgebildeten Wissens voraus. Liegt dieses Wissen nicht vor, begeben wir uns oft unter die Führung durch einen anderen. Können wir frei wählen, wem wir vertrauen? Wahren die Führer unsere Interessen oder benutzen sie unsere Abhängigkeit für eigene Zwecke? Ich verweise zur Vertiefung auf einen Fachaufsatz von mir.

Jede Unterordnung unter Zwang, jede einseitige Anhängigkeit, begrenzt unsere Freiheit. Kinder unterliegen zwangsläufig Begrenzungen die sich daraus ergeben, dass sie ihr eigenes Handeln nur begrenzt verantworten können. Weder kennen sie die Folgen ihres Handelns, noch können sie ihre Ziele stets eigenständig erreichen. Aber mit zunehmendem Alter sollte ein Mensch voll verantwortlich für sich eintreten können und somit einen Grad persönlicher Freiheit erreichen, in dem die Unterordnung und Unfreiwilligkeit keine bedeutende Rolle mehr spielt.

Die politische Freiheit bezeichnet das mittelbare Verhältnis von Menschen zueinander im Rahmen der Regelungen einer Gesellschaft. Die Freiheit zur politischen Betätigung ist eine Freiheit des Einbrigens persönlicher Werthaltungen in den Prozess des Aushandelns eben jener Regelungen, die für alle Beteiligten Gültigkeit besitzen sollen. Vielfach eilt die politische Freiheit der wirtschaftlichen Freiheit voraus, denn die Politik ist der Ort des kollektiven Willens, also der Ort, an dem geregelt wird, in welchen Bahnen das Streben nach persönlicher Freiheit im Kollektiv verlaufen soll.

Die wirtschaftliche Freiheit betrifft das Verhältnis von Menschen zueinander in ihrer wichtigsten Austauschfunktion. Über unser wirtschaftliches Handeln regeln wir die Beschaffung sämtlicher Dienste derer wir bedürfen indem wir im Tausch eigene Dienste anbieten. In keinem anderen Bereich unseres Lebens beziehen wir uns mit unserem Handeln auf das Handeln so vieler wildfremder Menschen, sind an Produktionsprozessen beteiligt und beziehen selber Leistungen, an deren Erzeugung unzählige wildfremde Menschen beteiligt waren.

Die Summe aller wirtschaftenden Menschen bezeichnen wir als Weltwirtschaft, die Summe aller wirtschaftenden Menschen eines Landes als Volkswirtschaft, die Summe aller wirtschaftenden Menschen einer Familie als Hauswirtschaft und den einzelnen wirtschaftenden Menschen als homo oeconomicus.

Ein großer Teil unseres Lebens ist geprägt durch die Notwendigkeit, für den Erwerb begehrter Dienste Tauschwerte zu erzeugen. Die Tatsache, dass wir in der Erzeugung und als Verbraucher wirtschaftende Personen sind, ist somit dominant prägend für die Inhalte unseres Lebens. Was ein Mensch als Persönlichkeit verkörpert ergibt sich zwar nicht ausschließlich aus seiner beruflichen Tätigkeit. Andererseits hängt das, was ihn seelisch gesund oder krank macht klar mit dem zusammen, womit er die meiste Zeit seines Lebens verbringt und worauf er den größten Teil der ihm zur Verfügung stehenden Lebensenergie verwendet. Ist er als Anbieter seiner Dienste denkbar ungünstigen Zwängen ausgesetzt, wird dies auch seine Persönlichkeit in ihrer Entfaltung begrenzen. Mit anderen Worten sind die Arbeitsverhältnisse charakterbildend und kann es keine freiheitliche Demokratie in einer Gesellschaft mit Sklavenwirtschaft geben. Persönliche Entwicklung, demokratische Entwicklung und wirtschaftliche Entwicklung hängen voneinander ab und begrenzen sich gegenseitig in ihren Möglichkeiten.

Freiheit im rein wirtschaftlichen Sinne bedeutet zu aller oberst Wahlfreiheit. Sinn der Wahlfreiheit ist, unsere Ausbeutung durch andere zu verhindern. Haben wir stets genügend Alternativen auf die wir ausweichen können, kann auf uns kein Zwang ausgeübt werden.

In unserer Rolle als Nachfrager von Diensten anderer (Verbraucher) garantiert die Wahlfreiheit, dass wir für einen Dienst nicht mehr bezahlen müssen als dieser Wert ist und keine schlechtere Qualität akzeptieren müssen als dem Stand der Technik in dem anbietenden Gewerbe entspricht. Der Wahlfreiheit des Verbrauchers auf der einen Seite entspricht der Wettbewerb der Erzeuger auf der anderen Seite. Wo es einen freien Wettbewerb gibt, müssen die Erzeuger sich anstrengen. Da niemand sich gerne anstrengt, versuchen alle Erzeuger stets den freien Wettbewerb einzuschränken. Es ist somit oberste Aufgabe einer auf Leistung setzenden Wirtschaftsordnung, die Wahlfreiheit der Wirtschaftspersonen in ihrer Eigenschaft als Verbraucher zu schützen, damit die Steuerung des Marktgeschehens stets von der Nachfrage aus erfolgt. Nur so ist garantiert, dass die Wirtschaftspersonen in ihrer Eigenschaft als Erzeuger das anbieten, was an Leistungen tatsächlich benötigt wird.

In ihrer Eigenschaft als Erzeuger von Gütern, müssen sich die Wirtschaftspersonen der Güternachfrage unterordnen. Der Zwang dazu ist allerdings ein relativ sanfter, der die Persönlichket des Einzelnen nicht beschädigt. Jeder hat die Freiheit die Dinge zu tun, deren Wertigkeit auf dem Markt gering ist. Er muss nur akzeptieren, dass entsprechend der geringen Wertigkeit die Tauschwerte, die er für seine Leistungen erzielen kann, ebenfalls gering sind. Wer in Armut zu leben bereit ist, kann die allergrößten Freiheiten genießen.

Jedenfalls theoretisch. Praktisch sind die Regelungsmechanismen in einer Klassengesellschaft vielfach dergestalt, dass die tatsächlichen Wertigkeiten von Leistungen keine Rolle spielen und sich die wirtschaftliche Seite der Leistungerstellung ganz im Würgegriff der Ausbeutungsinteressen einer Oberschicht befinden. Bildungsinhalte, die eine wirtschaftlich eigenständige Existenz ermöglichen würden, werden nicht vermittelt. Die Rechtsprechung dient mehr dem Schutz etablierter Unternehmen als dem freien Marktzutritt von Wettbewerbern. Die staatliche Verwaltung fesselt das einmal geschaffene Proletariat mit überbordenden Sozialgeschenken in der Bewegungslosigkeit, während sie den Jungunternehmer nicht nur im Regen stehen läßt, sondern obendrein sofort harten Belastungen aussetzt. Alles Treiben in einer Klassengesellschaft ist an dem Erhalt der Klassen ausgerichtet, woran nicht nur die Klassenorganisationen der sogenannten Arbeitgeber ihren Anteil haben, sondern mindestens ebenso die Klassenorganisationen des Proletariates, die sich in diesem Zustand prima eingerichtet haben und nichts so scheuen wie den wirtschaftlich freien Menschen, der ihre Einrichtungen nicht mehr braucht.

Wir müssen begreifen, dass weder Sklavenhalter noch Sklavenverbände die Sklaverei abschaffen. Hierzu bedarf es einer Erkenntnis, einer Reife auf allen Ebenen der Gesellschaft, mit der dann ein anderes Wirtschaftsmodell angestrebt wird. Das Ziel muss klar sein, dann können z.B. Schulämter und Universitäten das Wissen verbreiten, das heute lediglich Minderheiten besitzen, nämlich Antworten darauf, wie ein jeder Mensch durch freie Kooperation mit anderen seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Nur wenn jeder - zumindest im fortgeschrittenen Alter - fähig ist, seine eigene Arbeitskraft auch ohne die Arbeitsplatzangebote anderer so in den Wirtschaftsprozess einzubringen, dass er die benötigten Tauschwerte dafür erzielt, nur dann basieren die Arbeitszusammenhänge großer Unternehmen auf Freiwilligkeit. Findet abhängige Arbeit hingegen nur statt, weil man keine Alternative hat, dann stehen der Ausbeutung Tür und Tor offen.

Freiheit in einer Sozialen Marktwirtschaft bedeutet alles zu vermeiden oder zu beseitigen, was Menschen in ihrem vernünftigen Streben behindert. Die geforderte Öffnung bedeutet nicht weniger als eine Abschaffung des heute bekannten Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses durch eine Wandlung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft. Wer den tiefen Sinn dieser Veränderung nicht versteht, kann ihr nicht dienen - und umgekehrt.