T H E M A

Soziale Marktwirtschaft: Grundannahmen

Grundannahmen des Oppenheimer'schen Modells

Alles Denken über Wirtschaft findet in Modellen statt. Dabei sind die ersten Sätze die entscheidenden. Mit ihnen - den Grundannahmen - wird das Modell festgelegt. Auf ihnen baut alles weitere auf.

Wie bereits erwähnt, verwendet die heute herrschende Lehre seit gut 200 Jahren ein Abbild der kapitalistischen Klassengesellschaft als unterste Basis ihres Fundamentes, auf dem alles weitere aufbaut. Bei Franz Oppenheimer steht hingegen der wirtschaftende MENSCH im Zentrum des Modells.

Der Mensch bedarf der Güter und Dienste anderer zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Und er kann diese Güter und Dienste anderer in dem Maße abrufen, wie es ihm selber gelingt, Güter oder Dienste auf den Markt zu bringen.

Wir haben uns daran gewöhnt, Güter und Dienste zu unterscheiden. Bei den Gütern handelt es sich um eigenständige Sachen, die losgelöst von ihrem Produzenten auf dem Markt gehandelt werden können. Dienste hingegen werden von uns anders wahrgenommen, weil sich die erbrachte Arbeitsleistung nicht in der Form veränderter und frei handelbarer Materie nieder schlägt. Diese Art der unterschiedlichen Wahrnehmung von Gütern und Diensten, ist jedoch historisch und kulturell bedingt.

Die ersten öffentlichen Märkte entstanden zum Zwecke des Tauschhandels von Gütern. Bot beispielsweise eine Dame des ältesten Gewerbes der Welt ihre Dienste an, trug sie ihre Haut in der Regel nicht auf diesem Markt.

Handelsplattformen für Dienstleistungen entstanden erst viel später und wurden anders wahrgenommen. Außerdem sind die westlichen Kulturen stark beeinflußt von Marx’schem Gedankengut. Marx, ein wahrer Materialist, verstand unter „kapitalistischer Produktion“ von vornherein nur das, was sich unter Einsatz eines Kapitalstockes, also Maschinen, herstellen ließe. Er war so sehr auf die materielle Produktion fixiert, dass im Anschluss Heerscharen seiner Anhänger mit der Frage beschäftigt waren, ob denn nun z.B. ein Lehrer „produktiv“ sein könne oder nicht.

Betrachtet man Güter hingegen genauer, so hätten diese nicht entstehen können ohne die zuvor an dem Gut geleisteten Dienste. Ich möchte hier nicht von „Arbeit“ sprechen, denn auch dieser Begriff ist historisch verdorben durch Nebenbedeutungen wie etwa der „Arbeit“ die eine Maschine leistet oder die Verknüpfung von „Arbeit“ und „Arbeiter“. Wollen wir nicht in die Falle doppeldeutiger Begriffe laufen, brauchen wir eine unbelastete und dennoch treffende Begrifflichkeit. Und da bietet sich der „Dienst“ als wertneutraler Begriff an für das, was ein jeder in irgend einer Form erbringen muss, wenn er die Dienste anderer für sich abrufen will. In welcher Form dieser Dienst uns erreicht, ob als Produkt oder persönlich an uns vollzogen, spielt für den Vorgang als solchen keine Rolle. Werthaltig ist jeweils der geleistete Dienst an Personen oder Gegenständen, so dass der gemeinsame Nenner von Gütern und Dienstleistungen der geleistete Dienst ist. Nur Dienste tauschen sich, auch dann, wenn sie sich in Gütern materialisiert haben.

Zwischen uns und den Anderen steht der „Markt“ als Vermittler. Hier gibt es keinen Unterschied bei Oppenheimer zu dem, was bekannt ist. Der „Markt“ ist natürlich keine Person oder Objekt, sondern steht als Synonym für alle von Menschen geschaffenen Verfahrensweisen, durch die Angebot und Nachfrage sich gegenseitig steuern.

Wesentliches Element einer funktionierenden Steuerung ist das Preisbildungsverfahren. Über den Preis erfährt der Anbieter eines Dienstes etwas über die Wertigkeit seines Dienstes und reguliert die Menge und Qualität seines Angebotes. Und umgekehrt dient es dem Nachfrager als Entscheidungsgrundlage dafür, ob er seine Bedürfnisse auf diese oder eine andere Weise abdeckt.

An dieser Stelle verhaken sich in der herrschenden Lehre ganz schnell die objektive und subjektive Werttheorie. Ein unnötiger Streit zweier Lager, der sich im Oppenheimer’schen Modell zwanglos auflöst. Was ein Käufer subjektiv für Wert erachtet, das ist ganz seine Sache und braucht uns nicht zu interessieren. Er kann die Dinge nachvollziehbar vernünftig bewerten oder völlig verrückt sein. Für die Wissenschaft spielt dies keine Rolle, es sei denn, sie nennt sich Psychologie und ist auf der Suche nach Verrückten oder Vernünftigen. In dem Moment, in dem der Tauschakt zustande kommt, ist das gesetzte Preissignal eine Tatsache, die Reaktionen der Produzenten hervorruft.

Verfügt ein Produzent über Preissignale, wird er sich immer die Frage stellen, für welche Erzeugnisse er seine Fähigkeiten idealerweise einsetzt. Er wird also von dem, was ihm weniger einbringt, weniger anbieten und von dem, wo ein guter Verkaufspreis lockt, die Angebotsmenge erhöhen. Über dieses Verfahren steuert die Nachfrage das Angebot, vorausgesetzt, das Steuerungsverfahren funktioniert.

Welchen „objektiven“ Wert die getauschte Sache hat, ist dabei ebenso völlig uninteressant. Denn auch diesen „objektiven“ Wert gibt es nicht und muss man nicht kennen. Es gibt die Preissignale als Tatsache, und nur darauf kommt es an.

Diese Signale befinden sich in ständiger Veränderung, und das ist ihr Sinn. Alles, was diese Signale behindert oder verfälscht, ist von Übel und reduziert die Steuerungsfunktion des Marktes. So sehr Ökonomen aus Gründen ihrer Berufsausübung nach einer Werttheorie drängen, so unnötig ist sie für die Funktionsfähigkeit des Marktes als solchen.

Dennoch gibt es eine Werttheorie bei Oppenheimer, die da lautet: Gleiche Aufwände gleicher Qualifikation tauschen sich im Durchschnitt gleich. Ein durchschnittlich guter Metzger und ein durchschnittlich guter Bäcker werden in der Regel das, was sie in einer Stunde ihrem Erzeugnis an Wert hinzufügen 1:1 tauschen. Der Mittelwert, um den herum in diesem Modell alles pendelt, ist die durchschnittlich qualifizierte Arbeit, die als Dienst an einem anderen Menschen oder einer Sache geleistet wird. Hier tauscht sich Gleichwertiges gleich.

Dass es die objektive und subjektive Werttheorie in der Wissenschaft überhaupt gibt, danken wir wieder Umständen des Klassenkampfes. Es war Marx der uns die erste Werttheorie bescherte, die sogenannte „Arbeitswertlehre“. Danach fügt nur die Arbeit dem Produkt einen Wert hinzu - was ja nicht völlig falsch ist. Aus der Marx’schen Vorlage entstand die „objektive Wertlehre“. Marx und seine Anhänger hielten ihre Gedanken für objektiv richtig und sahen diese als einzig wahre „Wissenschaft“. Im Grunde aber ging es dem ganzen Werk nur darum, den kapitalistischen Ausbeutungsmechanismus in Worte zu fassen und eine proletarische Ideologie zu schaffen, die man der kapitsalistischen Ideologie entgegen setzen konnte. Es ging um das Selbstbewußtsein der erstarkenden Arbeiterklasse, die Stärkung der revolutionären Elemente im Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital.

Wissenschaftlichkeit als Behauptung spielte in sofern nur eine Rolle, wie man sich geadelt sah, die Weihen der Wissenschaft für sich beanspruchen zu können. Und gewissermaßen war das Vorgetragene ja auch durchaus realitätsnäher als die Ideologie der „Kapitalisten“, die über eine Theorie noch kaum verfügten bzw. ihren enormen Reichtum darüber begründeten, dass ihre Freiheit zur Ausbeutung der Arbeiterklasse naturnotwendig sei, damit ein Volk insgesamt zu mehr Wohlstand kommen könne. Da schimmerte noch die alte Auffassung der Großgrundbesitzer durch, wonach es „gottgewollte“ Unterschiede gäbe, durch die die Menschheit in Arm und Reich geteilt würde, und dieser Wille Gottes sei gut und weise.

Mit der „objektiven Wertlehre“ hatte man nun aber ein Problem, denn sie beinhaltete eine offene Kritik an den sozialen Zuständen im Gewand einer wissenschatlichen Begründung. Und man weiß ja, da wo der Papst über keine Autorität mehr verfügt, da nimmt die Wissenschaft diese Rolle ein. Sie verschafft den Akteuren in Politik und Wirtschaft den offiziellen Segen für ihr Handeln, ist also die moderne Instanz zur Legitimation von Handlungen gegenüber dem Volke. Es musste der „objektiven Wertlehre“ eine Antwort folgen, etwas entgegen gehalten werden: die „subjektive Wertlehre“.

Wer kennt nicht die Geschichte von Hans im Glück der Gebrüder Grimm? Sie ist der Ausgangspunkt der „subjektiven Wertlehre“. Denn ist es nicht verwunderlich, wie dieser Hans seinen Goldklumpen nach und nach eintauscht bis er einen Mühlstein hat, der ihm dann in einen Brunnen fällt? Ja, sagte der Gelehrte, auf den objektiven Wert einer Sache komme es bei dem konkreten Tauschhandel doch eigentlich gar nicht an, sondern darauf, was eine Sache dem Tauschenden subjektiv wert sei. Nur das sei „reale Wirtschaft“.

Der Gedanke gefiel gut und fand Verbreitung, weniger weil er zur Erklärung von irgendwas notwendig war, als vielmehr ideologisch nützlich. Man konnte der Ideologie der Arbeiterklasse etwas Gleichwertiges entgegen halten. Leider verschwand dabei die eigentliche Wissenschaft hinter den gesetzten Nebelkerzen der Kontrahenten. Will man sich in der Wissenschaft auf eine bürgerlich dominierte Professur bewerben, muss man sich zur „subjektiven Wertlehre“ bekennen. Gibt es mal vereinzelt von den „Roten“ beeinflußte Stellen, muss es die „objektive Wertlehre“ sein.

Das beide Wertlehren einfach nur Quatsch sind und nichts von dem zu erklären in der Lage sind was die Wissenschaft eigentlich verstehen und erklären müsste, das geht in die Professorenköpfe nicht mehr rein, kann auch gar nicht rein gehen, denn sie leben in einem selbstreferenziellen System. Nur wer da rein passt weil er sich auf das gleiche wackelige theoretische „Fundament“ stellt - und von seinen elitären Attitüden her gesehen als Legitimationsbeschaffer für Politik und Wirtschaft geeignet ist - wird auf diese Machtposition berufen.

Nichts anderes ist eine volkswirtschaftliche Professur: eine die Macht des Geistes besetzende Einrichtung, die angesichts realer gesellschaftlicher Spannungen dafür sorgt, dass die armen Leute sich gut fühlen und die Reichen nicht schlecht. Man glättet die Wogen mit Erläuterungen, warum alles so sein müsse wie es ist und keiner was dafür kann. Alles schicksalhaft. Wie ein Computerabsturz. Muss man mit leben.

Schrieb ich vorhin etwas drüber, dass die Politik nicht funktionieren könne, wenn die Wissenschaft für vernünftige Entscheidungen die Erkenntnisgrundlage nicht liefert? Hörte sich das an wie eine Entschuldigung der Politik? Da muss ich wohl was zurück nehmen, denn es ist das von der Politik verantwortete System, nach dem die Erzeugung der Irrlichter funktioniert.

Man ist auf dem Schlachtfeld des Klassenkampfes viel zu sehr daran interessiert, von gefügigen funktionierenden Machtmenschen in der Wissenschaft beim eigenen Kampf um die Macht unterstützt zu werden, als dass da noch Raum für Erkenntnisse wäre.

In der Politik geht es nicht darum, dass man etwas richtig macht, sondern darum, dass man es selber ist, der da was macht. Es geht um die eigene Position in dem politischen System, den eigenen Job. Und um den zu stabilisieren, braucht man Verbündete: das Geld der Wirtschaft und den intellektuellen Segen der Wissenschaft. Beides erhält man sich mit einer Mischung aus Geschenken und Fahrlässigkeit gegenüber der Wahrheit. Was nutzt es einem schlau zu sein, wenn das den Wirtschaftsvertretern nicht passt und diese einem dann den Spendenhahn zudrehen? Letztlich wird gemacht, was die gesellschaftliche Klasse der Wirtschaftsführer nicht stört, denn immer vom Geld her erfolgt die Steuerung des Marktgeschehens.

Um zurück zu kommen zu dem, was wirklich ist und was man braucht zum Verständnis einer freien Wirtschaft, wiederhole ich diesen einen Satz: Gleiche Aufwände gleicher Qualifikation tauschen sich im Durchschnitt gleich. Nur diesen Satz wird man sich merken müssen, wenn die Irrlichter einmal erloschen sind.