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Soziale Marktwirtschaft: Die Vision

Die Vision

Die Soziale Marktwirtschaft basiert auf einer Vision. So wie in der Bibel von einem tausendjährigen Friedensreich die Rede ist, steht am Anfang der Sozialen Marktwirtschaft ein Erlösungsgedanke: Die Erlösung von übermäßiger sozialer Ungleichheit. Oder, wie es Ludwig Erhard auf den Punkt brachte: Wohlstand für ALLE.

Über dieses Ziel mit wissenschaftlichen Methoden zu streiten, wäre sinnlos, denn es ist ein Wollen, das von dem Vater der Sozialen Marktwirtschaft zum Ausdruck gebracht wurde. Und dieses Wollen, also der Wunsch dass etwas so sei oder werden möge, geht bekanntlich jeder Wissenschaft voraus.

Der Gedanke an eine Gesellschaft mit geringer sozialer Ungleichheit mag uns schmecken oder nicht. Mit Wissenschaft hat unser Geschmack erst einmal wenig zu tun, wenngleich sich durchaus aufzeigen lässt, weshalb Angehörige der Oberschicht in der Regel weniger interessiert sind an geringerer Ungleichheit als Angehörige der Unterschicht. So befindet sich die Oberschicht regelmäßig in dem Glauben, dass sie aus ihrer gehobenen gesellschaftlichen Position absinken würde, falls die Ungleichheit verloren ginge. Und in gewisser Weise ist es ja auch so, selbst wenn der Aufstieg der Unterschicht keinen materiellen Abstieg der Oberschicht mit sich brächte. Der Wunsch nach elitärer Abgrenzung ließe sich auf alle Fälle weniger leicht befriedigen.

Wir können, wenn wir die persönlichen Standpunkte Einzelner mal ausblenden, feststellen, dass der geäußerte Wunsch nach geringer sozialer Ungleichheit zumindest Bestandteil aller Weltreligionen und ebenso aller Parteiprogramme in Deutschland ist. Würden Parteien auf eine Spaltung der Gesellschaft setzen, würden sie wohl kaum von der breiten Bevölkerung gewählt. Denn jeder weiß, dass eine gespaltene Gesellschaft voller Spannungen ist, die jederzeit in gewaltsamen Übergriffen münden können. Es ist eine Frage der eigenen Sicherheit und der inneren Sicherheit eines Landes, ob man konzeptionell auf einen starken sozialen Zusammenhalt setzt. Und zumindest wir Deutschen haben uns nach den Erfahrungen unserer Geschichte diesbezüglich eindeutig entschieden. Mit anderen Worten: Wo auch immer Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten in Frieden miteinander leben wollen und programmatische Aussagen zu Papier bringen, kommt auch heute schon parteiübergreifend stets die gleiche Absichtserklärung dabei heraus.

Als die FDP sich mal in einem Anflug der Umnachtung ihrer Führungskräfte als „Partei der Besserverdienenden“ profilieren wollte, wurde sie dafür bitter abgestraft. Es gilt von daher zu unterscheiden: Der Einzelne mag sich inbrünstig zu seiner gehobenen Stellung bekennen, wie ihm auch jedes Mittel recht sein mag um diese Stellung zu erzielen. Doch die großen Programme der Religionen oder politischen Parteien, müssen sich an dem Wohlergehen eines Volkes oder gar der Menschheit orientieren. Leisten sie dies nicht, verschwinden sie auch wieder von der Bildfläche wie Krankheitserreger, die ihr Wirtstier töten.

Wir müssen, um es kurz zu halten, den Wunsch nach einer Gesellschaft mit geringer sozialer Ungleichheit, nicht vertieft und schlüssig erklären. Er ist als Tatsache existent und mehrheitsfähig. Dass sich der Einzelne in seinem eigenen Handeln gerne davon distanziert, es aber als Regel für die Allgemeinheit fordert, mag zunächst verwirren, spielt aber bei der Betrachtung von Individuum und Gesellschaft schon immer eine große Rolle.

Adam Smith, Nationalökonom und Moralphilsosoph, brachte es auf den Punkt als er meinte, dass dort, wo wir nach Gerechtigkeit verlangen, nur der unbeteiligte Beobachter in der Lage sei die Wahrheit zu erkennen. Ansonsten vernebelt dem Individuum in aller Regel sein eigenes Interesse den Blick. Und Arthur Schopenhauer fasste dieses Phänomen in die Worte: „Wo das Interesse spricht, da schweigt der Verstand“.

Die Fähigkeit, sich von seinem eigenen subjektiven, mit eigenen Interessen verbundenen Standpunkt zu lösen und den Standpunkt eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen, ist nur sehr wenigen Menschen gegeben. Sie steht, wie Franz Oppenheimer erläuterte, allenfalls am Ende einer mehrstufigen Entwicklung der Persönlichkeit, die er die „suprasoziale Persönlichkeit“ nannte. In der Regel müssen Gesellschaften funktionieren, ohne dass sie in allen entscheidenden Positionen über Menschen dieses Persönlichkeitstypusses verfügen. Dennoch erkennt ein jeder, wie damals bei Ludwig Erhard geschehen, wenn ein Diener des Volkes zu ihnen spricht. Da mögen sich die Parteifeinde den tief wahren Worten noch so selbstverliebt entgegenstellen, das Volk hat ihn gewählt und wurde mit einer Phase beglückenden Wohlstandes belohnt.

Alles vorbei und vergessen? Ja! Folgt man der aktuellen Allensbach-Umfrage, dann haben lediglich 31% der Befragten „eine gute Meinung“ hinsichtlich dessen, was sich unverändert „soziale“ Marktwirtschaft nennt. Nach wie vor wird dieser Begriff „soziale“ Marktwirtschaft beansprucht für das, was heute wirtschaftliche Tatsache ist, obgleich das Maß sozialer Ungleichheit seit Jahren rasant wächst und selbst die dafür verantwortlichen Parteien peinlich berührt. Der Begriff „soziale“ Marktwirtschaft ist zu einer Worthülse verkommen, kaum noch mehr als ein Feigenblatt im politischen Kampf um den Machterhalt. Es ist ein erkenntnisleerer Begriff, was man den politisch Verantwortlichen gar nicht einmal vorwerfen kann, denn die eigentlichen Versager sitzen in der Wissenschaft.